Montag, 23. Februar 2026

Der alte Graf


 Kennt ihr die Geschichte vom alten Grafen, der deshalb sehr alt wurde, weil
er das Leben und seine schönen Momente, Tag für Tag bewusst genießen konnte

Er verließ niemals das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken.

Er tat dies, um die schönen Momente des Tages bewusst wahrzunehmen und
sie besser zählen zu können. Die meisten Bohnen waren dunkel und recht klein,
aber zwei oder drei waren weiß und groß. Für jede positive Kleinigkeit, die er
tagsüber erlebte – einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen einer
Frau, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der
Mittagshitze, ein Glas guten Weines …für alles, was seine Sinne erfreute, ließ
er eine Bohne von der rechten in die linke Jacketttasche wandern. Manchmal
waren es gleich zwei oder drei.

Manchmal gab es Zeiten, in denen sich vieles um ihn herum veränderte, neue
Anforderungen wurden an ihn gestellt, die ihm manchmal Angst machten,
weil er nicht wusste, ob er es schaffen würde, mit all den Veränderungen
umzugehen. Aber er spürte die vielen kleinen Bohnen in der linken Tasche,
die ihm Mut machten.

Und so fing er an, mit Veränderungen umzugehen und gemeinsam mit anderen
nach neuen Wegen und praktikablen Lösungen zu suchen. Und für solche
dicke Brocken, die es zu bewältigen gibt, steckte er sich eine große weiße Bohne
von der rechten in die linke Tasche.
Abends saß er zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er
zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an
diesem Tag widerfahren war und freute sich. Und sogar an einem Abend, an
dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen – es hatte sich zu
leben gelohnt.

 
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 Autor leider unbekannt

Donnerstag, 5. Februar 2026

Glück und Unglück

 

Eines Tages lief einem Bauern das einzige Pferd fort und kam nicht mehr zurück.
Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten:
„Du Ärmster! Dein Pferd ist weggelaufen – welch ein Unglück!“
Der Landmann antwortete: „Wer sagt denn, dass dies ein Unglück ist?“ -

Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück und brachte ein
Wildpferd mit.



Jetzt sagten die Nachbarn: „Erst läuft dir das Pferd weg – dann bringt es noch
ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück!“

Der Bauer schüttelte den Kopf: „Wer weiß, ob das Glück bedeutet?“
Das Wildpferd wurde vom ältesten Sohn des Bauern eingeritten; dabei stürzte
er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten:
„Welch ein Unglück!“



Aber der Landmann gab zur Antwort: „Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?“

Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs und zogen alle jungen Männer
des Dorfes für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen
sie zurück – mit seinem gebrochenen Bein.

Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen!“



Glück und Unglück wohnen eng beisammen, wer weiß schon immer sofort,
ob ein Unglück nicht doch ein Glück ist?

Christian Morgenstern
(1871–1914)

 

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Fabel, Christian Morgenstern

Freitag, 30. Januar 2026

Die Zeit

 



Vor langer, langer Zeit existierte eine Insel, auf der alle Gefühle der Menschen lebten: Die gute Laune, die Traurigkeit, das Wissen … und so wie alle anderen Gefühle, auch die Liebe.
Eines Tages wurde den Gefühlen mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also bereiteten alle ihre Schiffe vor und verließen die Insel. Nur die Liebe wollte bis zum letzten Moment warten. Bevor die Insel sank, bat die Liebe um Hilfe. Der Reichtum fuhr auf einem luxuriösen Schiff an der Liebe vorbei.
Sie fragte: „Reichtum, kannst du mich mitnehmen?“
„Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich viel Gold und Silber. Da ist kein Platz für dich.“

 

Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam:
„Stolz, ich bitte dich, kannst du mich mitnehmen?“
„Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen...“ antwortete der Stolz, „hier ist alles perfekt. Du könntest mein Schiff beschädigen.“
Also fragte die Liebe die Traurigkeit, die an ihr vorbeiging: „Traurigkeit, bitte, nimm mich mit.“
„Oh Liebe“, sagte die Traurigkeit, „ich bin so traurig, dass ich alleine bleiben muss.“
Auch die gute Laune ging an der Liebe vorbei, aber sie war so zufrieden, dass sie nicht hörte, dass die Liebe sie rief.
Plötzlich sagte eine Stimme: „Komm Liebe, ich nehme dich mit.“ Es war ein Alter, der sprach.
Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie vergaß, den Alten nach seinem Namen zu fragen. Als sie an Land kamen, ging der Alte fort. Die Liebe bemerkte, dass sie ihm viel schuldete und fragte das Wissen:


„Wissen, kannst du mir sagen, wer mir geholfen hat ?“
„Es war die Zeit“ antwortete das Wissen. 
„Die Zeit?“ fragte die Liebe, „Warum hat die Zeit mir geholfen?“ Und das Wissen antwortete:
„Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist.“



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