Freitag, 30. Januar 2026

Die Zeit

 



Vor langer, langer Zeit existierte eine Insel, auf der alle Gefühle der Menschen lebten: Die gute Laune, die Traurigkeit, das Wissen … und so wie alle anderen Gefühle, auch die Liebe.
Eines Tages wurde den Gefühlen mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also bereiteten alle ihre Schiffe vor und verließen die Insel. Nur die Liebe wollte bis zum letzten Moment warten. Bevor die Insel sank, bat die Liebe um Hilfe. Der Reichtum fuhr auf einem luxuriösen Schiff an der Liebe vorbei.
Sie fragte: „Reichtum, kannst du mich mitnehmen?“
„Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich viel Gold und Silber. Da ist kein Platz für dich.“

 

Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam:
„Stolz, ich bitte dich, kannst du mich mitnehmen?“
„Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen...“ antwortete der Stolz, „hier ist alles perfekt. Du könntest mein Schiff beschädigen.“
Also fragte die Liebe die Traurigkeit, die an ihr vorbeiging: „Traurigkeit, bitte, nimm mich mit.“
„Oh Liebe“, sagte die Traurigkeit, „ich bin so traurig, dass ich alleine bleiben muss.“
Auch die gute Laune ging an der Liebe vorbei, aber sie war so zufrieden, dass sie nicht hörte, dass die Liebe sie rief.
Plötzlich sagte eine Stimme: „Komm Liebe, ich nehme dich mit.“ Es war ein Alter, der sprach.
Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie vergaß, den Alten nach seinem Namen zu fragen. Als sie an Land kamen, ging der Alte fort. Die Liebe bemerkte, dass sie ihm viel schuldete und fragte das Wissen:


„Wissen, kannst du mir sagen, wer mir geholfen hat ?“
„Es war die Zeit“ antwortete das Wissen. 
„Die Zeit?“ fragte die Liebe, „Warum hat die Zeit mir geholfen?“ Und das Wissen antwortete:
„Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist.“



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Freitag, 9. Januar 2026

Winterstille

 


 

Leise in der frostigen Stille der Nacht,

Hat der Winter heimlich Schnee gebracht.

Weiß gepudert hat er Tanne und Baum.

  

Mir ist, als sei es nur ein schöner Traum.

Schneehäubchen er überall verteilte,

Während er im Tannenwald weilte.

Auch auf der Wiese und jedem Strauch

Hinterließ er seinen frostigen Hauch.

Gehüllt hat er den Wald in tiefes Schweigen

 

Mit dicken Flocken auf den Zweigen.

Heimlich und leise in der Stille der Nacht,

Hat der Winter mir eine Freude gemacht.

 

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Gedicht: © Ursula Evelyn

Sonntag, 4. Januar 2026

Eisblumen

 Eisblumen 

Nun war draußen nirgendwo mehr eine bunte Blume zu sehen. Die Beete im Garten waren mit Tannenzweigen zugedeckt. Die Rosenstöcke hatten eine warme Strohkapuze über den Kopf bekommen, und auch die Blumenstöcke vorm Fenster waren verwelkt, und man hatte sie fortgenommen.
„Schade“, sagte das Sofa, das so recht behaglich hinter dem großen Esstisch in der Stube stand und gerade auf das Fenster sehen konnte. „Es war so hübsch, wenn die Blumen uns zunickten und uns erzählten, was draußen auf der Straße vor sich ging.“ Die anderen Möbel fanden das auch. Der Tisch meinte zwar, man solle nicht klagen, denn jetzt fange die gemütliche Zeit für die Stube eigentlich erst an! Im Sommer liefen die Menschen alle fort - hinaus in Garten, Wald und Feld. Im Winter aber blieben sie hübsch in der Stube zusammen, erzählten sich was oder lasen sich was vor, und so hörten sie - die Möbel - doch eigentlich noch mehr als von den Blumen.
Das war wahr. Aber - schöner hatte die Stube doch mit den Blumen ausgesehen, das war ganz sicher. -
Nun hört, was ein paar Wochen später eines Morgens den Möbeln für eine große Überraschung aufblühte.
Es war bitterkalt draußen, und auch in der Stube war es in der Nacht so kalt geworden, dass die Möbel die Betten in der Schlafstube beneideten, die sich so schön mit warmen Federkissen zudecken durften. Da - als der Schrank eben aus dem Schlaf erwachte, tat er vor Verwunderung einen lauten Knacks.
Die anderen Möbel wachten alle davon auf, und was sahen sie? Das ganze Fenster war von oben bis unten mit einer schneeweißen, glitzernden Eiskruste bedeckt. Es war kein gewöhnliches, glattes Eis. Ganz sonderbare Gebilde waren darauf zu sehn - wie Blumen, Blätter, Stiele, aber alles ganz durcheinander - manchmal schwer zu erkennen.
„Was ist das nur?" fragte ganz leise das Sofa. Es war ganz benommen von der weißen Glitzerherrlichkeit. „Ist der Glaser vielleicht heute nacht da gewesen und hat heimlich andere Scheiben eingesetzt?“
„Vielleicht ist`s hier so ähnlich wie im Häuschen der Hänsel - und - Gretel - Hexe“, meinte der Spiegelschrank. „Die Hexe, die in mir steht, wird die Scheiben in Zucker verwandelt haben.“
Bei dem Wort „Zucker“ machte die kleine schwarze Fliege, die auch mit in der Stube wohnte, sich schleunigst auf den Weg. Aber ganz enttäuscht kam sie bald zurückgeflogen. „Nein - es ist kein Zucker“, sagte sie. „Es schmeckt auch nicht ein bisschen süß! Aber so rau ist`s wie Zucker, das ist wahr.“
„Ich glaube, dass es Blumen sind“, sagte das Gießkännchen. Das Ofenrohr, das immer gleich ein bisschen oben hinaus war, sagte zwar: „Ach - schwätzen Sie doch kein Blech!“ Aber alle anderen in der Stube gaben dem kleinen Gießkännchen recht.
Ja - wer hatte diese seltsamen schneeweißen Blumen aber nur so in aller Herrgottsfrühe ans Fenster gezaubert? Die Möbel hätten es gar zu gerne gewusst! Aber das Fenster - das einzige, das doch darüber hätte Auskunft geben können - das war ganz starr und stumm, man wusste nicht, war es das vor lauter Entzücken oder hatte es jemand mit den weißen Blumen gleich mit verzaubert.
Horch - da klang plötzlich von der Straße her ein Lied:
„Der Winter hat heut über Nacht
Viel Blumen mitgebracht.
Eisblumen sind`s, Eisblumen sind`s -
Habt ihr`s euch nicht gedacht?

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Märchen: Sophie Reinheimer (* 1874; † 1935)
war eine deutsche Kinderbuchautorin