Donnerstag, 5. Februar 2026

Glück und Unglück

 

Eines Tages lief einem Bauern das einzige Pferd fort und kam nicht mehr zurück.
Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten:
„Du Ärmster! Dein Pferd ist weggelaufen – welch ein Unglück!“
Der Landmann antwortete: „Wer sagt denn, dass dies ein Unglück ist?“ -

Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück und brachte ein
Wildpferd mit.



Jetzt sagten die Nachbarn: „Erst läuft dir das Pferd weg – dann bringt es noch
ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück!“

Der Bauer schüttelte den Kopf: „Wer weiß, ob das Glück bedeutet?“
Das Wildpferd wurde vom ältesten Sohn des Bauern eingeritten; dabei stürzte
er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten:
„Welch ein Unglück!“



Aber der Landmann gab zur Antwort: „Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?“

Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs und zogen alle jungen Männer
des Dorfes für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen
sie zurück – mit seinem gebrochenen Bein.

Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen!“



Glück und Unglück wohnen eng beisammen, wer weiß schon immer sofort,
ob ein Unglück nicht doch ein Glück ist?

Christian Morgenstern
(1871–1914)

 

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Freitag, 30. Januar 2026

Die Zeit

 



Vor langer, langer Zeit existierte eine Insel, auf der alle Gefühle der Menschen lebten: Die gute Laune, die Traurigkeit, das Wissen … und so wie alle anderen Gefühle, auch die Liebe.
Eines Tages wurde den Gefühlen mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also bereiteten alle ihre Schiffe vor und verließen die Insel. Nur die Liebe wollte bis zum letzten Moment warten. Bevor die Insel sank, bat die Liebe um Hilfe. Der Reichtum fuhr auf einem luxuriösen Schiff an der Liebe vorbei.
Sie fragte: „Reichtum, kannst du mich mitnehmen?“
„Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich viel Gold und Silber. Da ist kein Platz für dich.“

 

Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam:
„Stolz, ich bitte dich, kannst du mich mitnehmen?“
„Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen...“ antwortete der Stolz, „hier ist alles perfekt. Du könntest mein Schiff beschädigen.“
Also fragte die Liebe die Traurigkeit, die an ihr vorbeiging: „Traurigkeit, bitte, nimm mich mit.“
„Oh Liebe“, sagte die Traurigkeit, „ich bin so traurig, dass ich alleine bleiben muss.“
Auch die gute Laune ging an der Liebe vorbei, aber sie war so zufrieden, dass sie nicht hörte, dass die Liebe sie rief.
Plötzlich sagte eine Stimme: „Komm Liebe, ich nehme dich mit.“ Es war ein Alter, der sprach.
Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie vergaß, den Alten nach seinem Namen zu fragen. Als sie an Land kamen, ging der Alte fort. Die Liebe bemerkte, dass sie ihm viel schuldete und fragte das Wissen:


„Wissen, kannst du mir sagen, wer mir geholfen hat ?“
„Es war die Zeit“ antwortete das Wissen. 
„Die Zeit?“ fragte die Liebe, „Warum hat die Zeit mir geholfen?“ Und das Wissen antwortete:
„Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist.“



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Freitag, 9. Januar 2026

Winterstille

 


 

Leise in der frostigen Stille der Nacht,

Hat der Winter heimlich Schnee gebracht.

Weiß gepudert hat er Tanne und Baum.

  

Mir ist, als sei es nur ein schöner Traum.

Schneehäubchen er überall verteilte,

Während er im Tannenwald weilte.

Auch auf der Wiese und jedem Strauch

Hinterließ er seinen frostigen Hauch.

Gehüllt hat er den Wald in tiefes Schweigen

 

Mit dicken Flocken auf den Zweigen.

Heimlich und leise in der Stille der Nacht,

Hat der Winter mir eine Freude gemacht.

 

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Gedicht: © Ursula Evelyn