Donnerstag, 12. März 2026

Frühling

      

Frühling
 

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert der Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht' es im Hain:
"Der Frühling, der Frühling,
der Frühling zieht ein!"

Heinrich Seidel (*1842 ; † 1906)
war ein deutscher Ingenieur und Schriftsteller


In dem Walde sprießt und grünt es
Fast jungfräulich lustbeklommen;
Doch die Sonne lacht herunter:
Junger Frühling, sei willkommen!
Nachtigall! auch dich schon hör ich,
Wie du flötest seligtrübe,
Schluchzend langgezogne Töne,
Und dein Lied ist lauter Liebe!
Heinrich Heine

    
  

Frühlingswind
Wie der Frühlingswind im Garten,
so will ich leben; leicht, sanft und mild,
ohne auf den Sonnenschein zu warten,
so, wie die Bäume sich wiegen im Wind.
Auf grüner Wiese will ich spielen
Singen und Tanzen mit dem Wind.
Will tausendmal dem Himmel danken,
mich glücklich fühlen, wie ein Kind.

  

Des Frühlings laue Luft will ich spüren,
umarmen der Sträucher frisches Grün.
Der Lauf des Bächleins soll mich führen,
immer weiter, so wie die Wolken ziehn.
So wie der Frühling ist mein Leben,
heiter, leicht und wunderbar.
Möge es doch immer so bleiben,
heute, morgen und Jahr für Jahr.

© Ursula Evelyn


  
      

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Montag, 23. Februar 2026

Der alte Graf


 Kennt ihr die Geschichte vom alten Grafen, der deshalb sehr alt wurde, weil
er das Leben und seine schönen Momente, Tag für Tag bewusst genießen konnte

Er verließ niemals das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken.

Er tat dies, um die schönen Momente des Tages bewusst wahrzunehmen und
sie besser zählen zu können. Die meisten Bohnen waren dunkel und recht klein,
aber zwei oder drei waren weiß und groß. Für jede positive Kleinigkeit, die er
tagsüber erlebte – einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen einer
Frau, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der
Mittagshitze, ein Glas guten Weines …für alles, was seine Sinne erfreute, ließ
er eine Bohne von der rechten in die linke Jacketttasche wandern. Manchmal
waren es gleich zwei oder drei.

Manchmal gab es Zeiten, in denen sich vieles um ihn herum veränderte, neue
Anforderungen wurden an ihn gestellt, die ihm manchmal Angst machten,
weil er nicht wusste, ob er es schaffen würde, mit all den Veränderungen
umzugehen. Aber er spürte die vielen kleinen Bohnen in der linken Tasche,
die ihm Mut machten.

Und so fing er an, mit Veränderungen umzugehen und gemeinsam mit anderen
nach neuen Wegen und praktikablen Lösungen zu suchen. Und für solche
dicke Brocken, die es zu bewältigen gibt, steckte er sich eine große weiße Bohne
von der rechten in die linke Tasche.
Abends saß er zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er
zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an
diesem Tag widerfahren war und freute sich. Und sogar an einem Abend, an
dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen – es hatte sich zu
leben gelohnt.

 
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 Autor leider unbekannt

Donnerstag, 5. Februar 2026

Glück und Unglück

 

Eines Tages lief einem Bauern das einzige Pferd fort und kam nicht mehr zurück.
Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten:
„Du Ärmster! Dein Pferd ist weggelaufen – welch ein Unglück!“
Der Landmann antwortete: „Wer sagt denn, dass dies ein Unglück ist?“ -

Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück und brachte ein
Wildpferd mit.



Jetzt sagten die Nachbarn: „Erst läuft dir das Pferd weg – dann bringt es noch
ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück!“

Der Bauer schüttelte den Kopf: „Wer weiß, ob das Glück bedeutet?“
Das Wildpferd wurde vom ältesten Sohn des Bauern eingeritten; dabei stürzte
er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten:
„Welch ein Unglück!“



Aber der Landmann gab zur Antwort: „Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?“

Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs und zogen alle jungen Männer
des Dorfes für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen
sie zurück – mit seinem gebrochenen Bein.

Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen!“



Glück und Unglück wohnen eng beisammen, wer weiß schon immer sofort,
ob ein Unglück nicht doch ein Glück ist?

Christian Morgenstern
(1871–1914)

 

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Fabel, Christian Morgenstern